Dienstag, 13. Januar 2009

Exkurs: Don't be a sissy?

Die Akzeptanz von Sexismus und Misogynie in unserer Gesellschaft hat offensichtlich einen neuen Höhepunkt erreicht. Zu dieser Aussage versteige ich mich, unter anderem (!), aufgrund der erst kürzlich von mir entdeckten Werbekampagne der Fastfood-Kette „Burger King“. Ein Grund für mich, in den Blog einen Artikel zum Thema „Männlichkeitskonstruktion“ in unserer Gesellschaft aufzunehmen. Der Exkurs basiert auf einem Text von Martin S. Kimmel mit dem Titel „Sollen, können, wollen Männer den Feminismus unterstützen?“[1].

NOMAS

Den Artikel „Sollen, können, wollen Männer den Feminismus unterstützen?“ schreibt Martin S. Kimmel als Vertreter der Organisation NOMAS, der „National Organisation for Men Against Sexism“, dessen Akronym auf Spanisch gleichzeitig „nicht mehr“ bedeutet. Die Organisation hat drei Prinzipien: 1. Sie ist profeministisch. 2. Sie tritt für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben ein. 3. Sie will ein „erfüllteres Leben“ für Männer erreichen, was nur in Hand mit der Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen erreicht werden kann. Das Akronym NOMAS oder „nicht mehr“ bezieht die Organisation auf die Gewalt von Männern.

Männliche Gewalt und Macht

Kimmel verwendet bewusst den Begriff „männliche Gewalt“, weil – seiner Meinung nach – der Terminus „Männergewalt“ irreführend ist, da er suggeriert, Gewalt sei etwas per se Männliches, das in den Genen von Männern und in deren Biologie angelegt sei. Kimmel ist allerdings der Überzeugung, dass männliche Gewalt ein Teil der kulturellen Definition von Männlichkeit ist und jeder Mann an seinem Gewaltproblem arbeiten kann.

„Wenn Männer von Natur aus gewalttätig sind, dann sind sie wilde Tiere, die nicht auf die Straße, sondern in einen Käfig gehören.“ (Kimmel 1993: 138)

Feministische Analysen definieren das Problem der männlichen Gewalt als ein Handeln der herrschenden Klasse, das auf Machterhalt ausgerichtet ist. Wenn in logischer Konsequenz daraus Männlichkeit als ein Streben nach Macht und Herrschaft analysiert wird, geschieht dies aus der Erfahrung von Frauen mit Männlichkeit. Obwohl Kimmel die feministische Analyse von Männlichkeit für richtig hält, gibt er zu bedenken, dass sie den Männern selbst oft nicht zugänglich ist.

„Die Männer fühlen sich machtlos – und ich glaube, daß dieses Gefühl echt ist, auch wenn ich es nicht für wahr, das heißt zutreffend halte.“ (Kimmel 1993: 139)

Dieses Gefühl macht Kimmel auch für die Entstehung neuer Männlichkeitskults verantwortlich, in denen mit männerbündlerischen Ritualen das Gefühl der Macht wiederhergestellt werden soll.

Doch selbst wenn Männer als Individuen sich als machtlos empfinden, kann dies nicht der Ausgangspunkt der Analyse sein. Festzuhalten bleibt, dass Männer als Gruppe Macht haben, die sich gegen Frauen richtet und in weiterer Folge auch gegen andere Männer. Zwei wichtige Elemente sind wesentlich für das Funktionieren dieses Systems verantwortlich: einerseits die Angst, die Männer vor anderen Männern haben, weil diese sie als „unmännlich“ enttarnen könnten, andererseits das Tabu, diese Angst zu benennen, das Schweigen der Männer selbst.

In diesem Kontext ist auch die Homophobie zu erklären, eines der wichtigsten Elemente des Männlichkeitskonstrukts unserer Gesellschaft, und zwar als Angst vor anderen Männern, die die Männlichkeit des Gegenübers in Zweifel ziehen könnten und ihn als „schwul“ enttarnen könnten.

Vier Grundregeln der Männlichkeit

Der Psychologe Robert Brannon hat vier Grundregeln der Männlichkeit aufgestellt:

1. Don’t be a sissy! (Nicht weibisch sein)

Keinesfalls darf ein Mann jemals eine Handlung setzen, die auch nur im Entferntesten an Weiblichkeit erinnert. Männlichkeit bedeutet also die strikte Ablehnung alles Weiblichen.

2. Ein großer Zampano werden

Das Maß für die Männlichkeit sind Macht, Reichtum und Status. Danach müssen Männer ihr Leben ausrichten.

3. Ein Fels in der Brandung sein

Männer dürfen in keiner Situation die Ruhe verlieren oder Schwächen und Emotionen zeigen. Cool bleiben ist ein Indikator für Männlichkeit.

4. Zeig’s ihnen

Für Männer ist die Ausstrahlung von Mut und Aggressionen zentral. Eine „Aura des Draufgängertums“[2] muss sie ständig umgeben.[3]

Alle vier Regeln lassen sich, nach Kimmel, auf die Hauptregel „Don’t be a sissy!“ reduzieren, die anderen sind Erläuterungen der einzigen echten Grundregel: kein Weib sein.

„Für mich ist das der Schrecken jedes Mannes – daß ihn andere als weibisch sehen könnten. Männlichkeit ist ein homosoziales Rollenspiel von Männern für Männer, das von Männern ausgeführt, bewertet und beurteilt wird. Frauen werden dabei oft zu einer Art Währung – wie Macht, Status, Autos oder Geld – die wir einsetzen, um andere Männer zu überzeugen, daß wir die Angst erfolgreich gemeistert haben.“ (Kimmel 1993: 141)

Nach Kimmel ist nun Sexismus – definiert als Herrschaftswunsch über die Frauen – der Versuch, die Angst vor anderen Männern zu unterdrücken und unsichtbar zu machen. Die Akte der „Gewalt-aus-Ohnmacht“[4], die Männer individuell ausüben, ergeben in Summe ein System des kollektiven Terrors von sich machtlos fühlenden Männern gegenüber „anderen“, also Frauen, Homosexuellen, Farbige, usw.[5]

Was tun?

Der erste Schritt, aus der Konstruktion von Männlichkeit – die zwangsläufig zu Gewalt führt – auszubrechen, ist es, laut Kimmel, sich als Mann einzugestehen, dass man nicht anders ist als die anderen Männer, dass man selbst Angst vor den anderen Männern hat. Jede Unterscheidung zwischen guten und bösen Männern ist eine Illusion, die nur verdeckt, dass die eigenen männlichen Ohnmachtsgefühle jederzeit potentiell oder tatsächlich zu Gewaltakten führen können.

Der zweite Schritt muss es sein, das Schweigen der Männer angesichts der Gewalt zu brechen. So ist es für Kimmel die Aufgabe jedes Mannes, zu anderen Männern zu sprechen und somit auszudrücken, nicht einverstanden zu sein. Um Kimmel selbst zu zitieren:

„Wir müssen Zorn darüber empfinden, daß wir uns durch Angst zum Schweigen bringen lassen. [...] Es geht nicht darum, ob wir es wagen, das Schweigen zu brechen und den Ängsten entgegenzutreten. Es geht darum, ob wir auch nur einen Augenblick länger mit uns selbst leben können, wenn wir es nicht tun.“ (Kimmel 1993: 147)

Diese Frage muss sich, meiner Meinung nach, jeder Mann stellen und ich persönlich hoffe, dass die Antwort ein klares „Nein“ ist. Allerdings streite ich nicht ab, dass das Auftreten gegen Sexismus und Misogynie in einer patriarchalen Gesellschaft nicht nur den Frauen gefährlich werden kann. Auch Männer müssen fürchten, sozial geächtet oder verprügelt zu werden. Umso wichtiger erscheint aber folgende Perspektive, die ich mit einem Zitat, das Kimmel in seinem Artikel verwendet, an den Schluss dieses Exkurses stellen will:

„Der Feminismus wird es den Männern zum ersten Mal ermöglichen, frei zu sein.“[6] (1917)



[1] Kimmel, Martin S.: „Sollen, können, wollen Männer den Feminismus unterstützen?“ (1993) In: Dohnal, Johanna (Hrsg.): Test the West: Geschlechterdemokratie und Gewalt. (Internationales Symposium "Test the West"). Bundesministerin für Frauenangelegenheiten – Bundeskanzleramt: Wien, 1993. (Reihe: Gewalt gegen FRAUEN gegen Gewalt 1) S. 138 – 147.

[2] Kimmel 1993: 141

[3] vgl. Kimmel 1993: 141

[4] vgl. Kimmel 1993: 142

[5] vgl. Kimmel 1993: 142

[6] vgl. Kimmel 1993: 146

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