Mittwoch, 14. Januar 2009

Riot Don't Diet! - Radical Cheerleading

Nachdem ich in meinem zweiten Post einen radical cheer vorgestellt habe, liefere ich hiermit den theoretischen Input zum radical cheerleading. Inhaltlich bezieht sich folgender Text auf den Artikel „Radical Cheerleading – Radical Queerleading“[1] von Stephanie Kiessling, der im Magazin „fiber #4“ („werkstoff für feminismus und popkultur“) erschienen ist.

Entstehung, Grundsätze und Verbreitung des radical cheerleading

Die Idee des radical cheerleading entstand 1996, als die Schwestern Cara, Aimee und Coleen Jennings beschlossen, der „Mackergröhlerei“ auf Demos des linken, autonomen Umfelds durch ein Konzept zur Verbreitung von politsichen Forderungen, das auf cheers und choreographischen Einlagen beruht, ein Ende zu setzen. So ist das radical cheerleading zwar formell an das cheerleading im traditionellen Sinn angelehnt, hat jedoch inhaltlich wenig damit zu tun – im Gegenteil: radical cheerleading ist, in Judith Butlers Worten, als gender parody des cheerleadings – dem Prototyp heterosexistischen Mädchensports, bei dem Frauen marionettenhaft wie Zierpüppchen den „echten Sportlern“ zujubeln – zu verstehen.

Die inhaltslosen Jubelsprechchöre, die stereotypen Schönheitsnormierungen und die restriktiven Körperdisziplinierungen des cheerleading werden im radical cheerleading aufgegriffen und – wie der Name schon verrät – radikalisiert. Ziel ist es, traditionelle Bilder zu stören und so Irritation beim Publikum hervorzurufen, was wiederum Aufmerksamkeit für die inhaltlichen Forderungen garantiert.

Radical cheerleaders treten hauptsächlich im Rahmen von Demonstrationen auf, wo sie in auffälligen Kostümen das typische, männlich dominierte Kampfgeschrei mit politischen cheers übertönen. Die Themen der cheers reichen von Abnehmwahn über Sexismus bis zu Zwängen heterosexistischer Normierungen. Kleidungstechnisch fallen die radical cheerleaders vor allem durch die parodistischen Variationen von Cheerleading-Outfits auf. So treten neben den cheer grrrls oft auch radical boyz in kurzen Röcken und mit pink besprühten Klobürsten anstelle der Pompoms auf.

Bereits ein Jahr nach der Erfindung des radical cheerleading fand in Arkansas 1997 der erste Workshop zum Thema unter dem Namen „Sister Subverter-Conference“ statt. Zunächst verbreitete sich das radical cheerleading in den USA, wo in mehreren Großstädten verschiedene squads gegründet wurden. Bei der Anti-WTO Demonstration 1999 in Seatte wurden bereits eigene Mini-Cheer-Handbücher von einigen Demonstrant_innen verteilt und 2001 fand die erste Radical-Cheerleading-Konferenz mit über 100 Teilnehmer_innen in Kanada statt. In Europa fand die Aktionsform zunächst in Großbritannien Anklang, bis sie schließlich auch im Rest Europas rezipiert wurde – und zwar im Rahmen der Pink&Silver-Bewegung, die das radical cheerleading neben anderen Aktionsformen (wie zum Beispiel der Kommunikationsguerilla[2]) in ihr Repertoire aufgenommen hat.

Pink&Silver

Ziele der Pink&Silver-Bewegung sind die Unterwanderung und Dekonstruktion des hegemonialen Geschlechtsdualismus, das Sichtbarmachen männlicher Dominanz an scheinbar geschlechtsneutralen Orten – wie zum Beispiel bei Demonstrationen – und die Subversion der repressiven Staatsmacht. So tritt die Pink&Silver-Bewegung auf Demonstrationen als „Pink Bloc“ auf, organisiert daneben aber auch noch eigenständige und direkte Aktionen. Ein Beispiel für die Strategie der Pink&Silver-Bewegung ist die „tactical frivolity“, die während des Anti-IWF-Gipfels in Prag zum Einsatz kam: Durch das Spiel mit Geschlechtsidentitäten wurde die Polizei dort bewusst verwirrt und Absperrungen konnten tanzend umgangen werden. Dass die Taktik der Verwirrung höchst wirksam ist, beweist auch folgende Begebenheit: Bei einem Aktionstag in der Innenstadt in Frankfurt wurden P&S-Aktivist_innen von der Polizei dazu aufgefordert, doch endlich „ordentlich“ zu demonstrieren.

Neben dem Spiel mit Geschlechterrollen und der Staatsmacht ist es der Pink&Silver-Bewegung außerdem ein Anliegen, die traditionell negativ besetzte Symbolik des „schwarzen Blocks“ zu durchbrechen. Mit farbenfrohen und auffälligen Kostümen wird versucht, Sympathie und Empathie bei Unbeteiligten zu erreichen. Es geht der Pink&Silver-Bewegung dabei aber eindeutig nicht um eine Abgrenzung vom „schwarzen Block“, sondern um eine Unterwanderung und Erweiterung der Symbolik desselben. So ist Pink&Silver auch nicht als gewaltfreie Bewegung definiert. Neben gewaltfreiem Protest sind auch offensive und konfrontative Aktionen nicht ausgeschlossen. Die Kostüme dienen dabei einerseits als Ablenkungsmanöver, andererseits als Schutzpolster für den Ernstfall. Die Kommunikation in der Gruppe läuft über Handzeichen ab, wobei auch Limits und Stopps im Vorfeld abgeklärt werden.

Trotz der Unterschiede zwischen den genannten Aktionsformen des radical cheerleadings und der Pink&Silver-Bewegung, gibt es vor allem zwei verbindende Elemente zwischen den beiden Bewegungen: Sowohl das radical cheerleading als auch die Aktionsformen der Pink&Silver-Bewegung ermöglichen im Rahmen linker Praxen die Parodie und Subversion heterosexistischer und bipolarer Geschlechtsmodelle und schaffen außerdem – obwohl sie nicht eindeutig geschlechtsspezifisch definiert sind – besonders für Frauen auf Demonstrationen Räume jenseits von männlich dominierter Militanz.

Und weil’s so schön ist, zum Abschluss noch ein radical cheer:

Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Riot Don´t Diet
GET UP
GET OUT AND TRY IT
Hey grrrl (clap clap clap)
Get your head out of that magazine
cause you are more than a beauty machine
you´ve got anger soul and more
so take it to the street and let it roar

Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Uh-HUH (clap clap clap)
If cosmo makes you sick and pale
you know what you need to do
MOLOTOV COCKTAIL!
liberate the beauty queen
and burn the bibles of the fashion scene
LET´s (CLAP) GET (CLAP) MEAN!!!!!!

Weiterführende Links:

Pink, Paula und Sara Silver: „Pink und Silver / Tute Bianche. Neue Aktionsformen im Kontext internationaler Proteste.“ In: www.copyriot.com/bewegt/p&s+tb.html (14/01/09)

Roe, Amy: “Gimme an A!” In: http://www.ainfos.ca/01/aug/ainfos00029.html (14/01/09)

Radical Cheerleaders: http://radcheers.tripod.com/ (14/01/09)

NYC Radical Cheerleaders: http://www.nycradicalcheerleaders.org/ (14/01/09)

Radical Cheerleaders – Deutschland: http://www.radical-cheerleaders.de/ (14/01/09)



[1] Kiessling, Stephanie: „Radical Cheerleading – Radical Queerleading.“ (2007) In: fiber #4. Online-Publikation: http://www.fibrig.net/wordpress/?page_id=167 (14/01/09)

[2] für genauere Information siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikationsguerilla (14/01/09)

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