In einem Blog über queere Praktiken darf natürlich ein Artikel über Praxen der queer-feministischen Popkultur nicht fehlen. Aus diesem Grund will ich mich in folgendem Text genauer mit der kulturellen Erscheinung der Ladyfeste auseinandersetzen. Die inhaltlichen Informationen habe ich aus einem Artikel von Melanie Groß, mit dem Titel „Das Internet als Plattform politischer Interventionen: Ladyfeste im Netz“[1], bezogen.
Riot Grrrls
Die Kultur der Ladyfeste nimmt ihren Anfang in den USA, als im Jahr 2000 in der Stadt Olympia die erste Veranstaltung, die diesen Namen trägt, stattfindet. Nicht zufällig fand das erste Ladyfest in Olympia statt: so hat in den 90er Jahren auch die Riot Grrrl Bewegung von dort aus die Welt erobert. Die Ladyfeste sind in Anknüpfung an die feministische Tradition der Riot Grrrl Bewegung zu verstehen und stellen gewissermaßen eine Fortsetzung unter anderen Voraussetzungen dar.
Die Riot Grrrl Bewegung war ein Netzwerk von Frauenbands aus der Punkszene, die sich zusammenschlossen, um mit Misogynie, Heterosexismus und männlicher Dominanz im Musikbusiness aufzuräumen. Sleater Kinney, Bratmobile, Babes in Toyland, Team Dresch, Tribe 8 und Bikini Kill sind nur einige der bekanntesten VertreterInnen dieser Bewegung. Thematisch setzten sich die Riot Grrrls mit Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Sexualität, Diskriminierung in der Musikszene, der Do-it-yourself Kultur[2] und feministischer Politik auseinander. Die aktionistischen Formen des Netzwerks setzen sich aus Strategien der Frauenbewegung und der Punkkultur zusammen, wie zum Beispiel der Kommunikationsguerilla, dem versteckten Theater[3] oder dem radical cheerleading.
Der Begriff grrrl ist als eine feministische Aneignung des patriarchalen, niedlich konnotierten girl zu verstehen, um die Mädchenkultur aufzuwerten und ein neues Selbstbewusstsein zu erzeugen. Die drei ‚r’ sollten dabei onomatopoetisch ein Grollen oder Knurren in das Wort bringen. Was anfangs als gut gelungener Versuch beschrieben werden kann, wurde mit der Zeit leider von der Kulturindustrie vereinnahmt und zurückerobert. Vor allem im deutschsprachigen Raum machte die Presse aus dem knurrenden riot grrrl schnell ein harmloses girlie, das zwar mutig, aber vor allem chic und sexy zu sein hatte. Deshalb initiierten die Riot Grrrls 1993 auch eine Medienblockade, um der medialen Verzerrung durch hegemoniale Medien ein Ende zu setzen. Um die eigene Definitionsmacht während der Medienblockade zu sichern, wurde vor allem mit Flugblättern und so genannten „Fanzines“ (Fan Magazine)[4] gearbeitet.
Ladyzzz
In Anlehnung an die – durch die Medien verzerrte und vereinnahmte – Riot Grrrl Kultur entstanden, wie schon erwähnt, die Ladyfeste. Als lady wird im traditionellen Sprachgebrauch eigentlich eine bürgerliche, konservative und geschlechtsstereotype Frauengestalt verstanden, die gesellschaftlich geachtet und unverdächtig ist – kurz: zu Recht das Feinbild einer jeden Feministin. Die ladyzzz von heute persiflieren und parodieren dieses Frauenbild als Inbegriff der hegemonialen Geschlechterordnung. Ganz in der Tradition der riot grrrls wird dem Begriff Lady also durch Aneignung eine progressive, antipatriarchale Konnotation verliehen.
Ladyfeste sind meist mehrtägige Feste, die in Zentren alternativer Jugend(kultur) stattfinden und Themen wie Sexismus, Gewalt, Geschlechter- und Sexualitätsnormen, Rassismus und Kapitalismus behandeln. Das Veranstaltungsrepertoire reicht von Konzerten (Punk, Electro,…) bis zu Drag Workshops und Selbstverteidigungskursen. Oft werden auch Vorträge über Feminismen und queere Politik gehalten, selbstgemachte Filme oder Texte präsentiert und open stages zur Verfügung gestellt, um selbst Musik machen zu können. Ziel der Feste ist es mit den Mitteln der Musik und der Popkultur, männlich dominierte Kulturfelder zu besetzen und die Kategorie „Frau“ als solches in Frage zu stellen. Daraus ergibt sich, dass sich Ladyfeste nicht nur ausschließlich an Frauen richten, sondern unter Betonung der queer-feministischen und transgender Inhalte beide Geschlechter ansprechen.
Vom Fanzine zum Internet
Wie vormals bei der Riot Grrrl Bewegung die Fanzines, so spielt heute das Internet eine wesentliche Rolle bei der Vernetzung der Ladyfeste und zur Wahrung der eigenen Definitionsmacht durch die ladyzzz. Durch die einheitliche Namensgebung (ladyfest) ist einerseits eine gemeinsame Bezugsnahme und die Einordnung in eine gemeinsame Tradition möglich, andererseits eine leichte Auffindbarkeit im Netz gegeben. Groß nennt die beiden Seiten www.ladyfest.org und www.ladyfesteurope.org als wichtigste Websites zur Bündelung und Verlinkung der Ladyfeste auf der ganzen Welt, quasi als Dachseiten der Feste.[5] Aus heutiger Sicht muss allerdings festgestellt werden, dass beide Websites seit längerem keine Aktualisierung mehr erfahren haben bzw. Information nicht mehr abrufbar ist. Die Seite www.ladyfest.org verwies ursprünglich auf Ladyfeste in den USA, wobei später auch in Europa stattfindende Feste verlinkt wurden. Die Website www.ladyfesteurope.org legte den Schwerpunkt auf europäische Veranstaltungen und stellte zudem Anleitungen für die Gestaltung eines Ladyfests zur Verfügung. Nach Groß handelt es sich bei den Websites der Ladyfeste um eine Transformation der Fanzines, da sie die direkte und ungefilterte Veröffentlichung der eigenen Anliegen ermöglichen. Zudem wird der Anspruch nach Selbstdefinition erfüllt und ein starker Bezug auf eine Do-it-yourself Kultur ist gegeben.[6]
Zusammenwirken von Theorie und Praxis bei den Ladyfesten
Die große Chance der Ladyfeste besteht in der Verbindung politischer Theorie mit aktivistischer Praxis sowie in der „Versöhnung“ aktueller feministischer Debatten. So wird einerseits die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit als Konstrukt kritisiert, andererseits aber auch die Wirksamkeit dieser Kategorie in der Praxis erkannt. Ladyfeste sind also eine Form aktivistischer Praxis, die „mit kulturellen Insezenierungen und politischen Aktionen die ‚Natürlichkeit‘ heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit angreift und zugleich dessen materielle und sozio-ökonomische Wirkmächtigkeit anerkennt und kritisiert.“[7]
Links:
Literaturtipps:
Baldauf, Anette (Hrsg.): Lips, tits, hits, power? Popkultur und Feminismus. Folio: Wien u.a., 1998.
Büsser, Martin (Hrsg.): Gender - Geschlechterverhältnisse im Pop. Ventil-Verlag: Mainz, 2000. (Testcard #8)
[1] Groß, Melanie: „Das Internet als Plattform politischer Interventionen: Ladyfeste im Netz“ 2006. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 7, Beitrag 4. Online-Publikation: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B4_2006_gross.pdf (20/01/09)
[2] für genauere Information vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Do_it_yourself (20/01/09)
[3] für genauere Informationen vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Verstecktes_Theater (20/01/09)
[4] Der Begriff der Fanzines kommt aus der Punkkultur und bezeichnet selbst gemachte Hefte, die den KünstlerInnen dazu dienten, abseits von den Mainstream-Medien in der Szene bekannt zu werden. Verteilt wurden die Fanzines zum Selbstkostenpreis auf Konzerten, inhaltlich setzten sie sich mit Themen wie Konzertberichten, Bands, Comics, Poesie, Malerei oder queerer und feministischer Theorie auseinander. Zwar gibt es heute noch immer Fanzines in einigen subkulturellen Nischen, sie werden allerdings durch das Medium Internet immer seltener.
[5] vgl. Groß 2006: 9
[6] vgl. Groß 2006: 10f.
[7] Groß 2006: 1

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