Donnerstag, 16. April 2009

Riot Grrrls und Ladyfeste

In einem Blog über queere Praktiken darf natürlich ein Artikel über Praxen der queer-feministischen Popkultur nicht fehlen. Aus diesem Grund will ich mich in folgendem Text genauer mit der kulturellen Erscheinung der Ladyfeste auseinandersetzen. Die inhaltlichen Informationen habe ich aus einem Artikel von Melanie Groß, mit dem Titel „Das Internet als Plattform politischer Interventionen: Ladyfeste im Netz“[1], bezogen.

Riot Grrrls

Die Kultur der Ladyfeste nimmt ihren Anfang in den USA, als im Jahr 2000 in der Stadt Olympia die erste Veranstaltung, die diesen Namen trägt, stattfindet. Nicht zufällig fand das erste Ladyfest in Olympia statt: so hat in den 90er Jahren auch die Riot Grrrl Bewegung von dort aus die Welt erobert. Die Ladyfeste sind in Anknüpfung an die feministische Tradition der Riot Grrrl Bewegung zu verstehen und stellen gewissermaßen eine Fortsetzung unter anderen Voraussetzungen dar.

Die Riot Grrrl Bewegung war ein Netzwerk von Frauenbands aus der Punkszene, die sich zusammenschlossen, um mit Misogynie, Heterosexismus und männlicher Dominanz im Musikbusiness aufzuräumen. Sleater Kinney, Bratmobile, Babes in Toyland, Team Dresch, Tribe 8 und Bikini Kill sind nur einige der bekanntesten VertreterInnen dieser Bewegung. Thematisch setzten sich die Riot Grrrls mit Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Sexualität, Diskriminierung in der Musikszene, der Do-it-yourself Kultur[2] und feministischer Politik auseinander. Die aktionistischen Formen des Netzwerks setzen sich aus Strategien der Frauenbewegung und der Punkkultur zusammen, wie zum Beispiel der Kommunikationsguerilla, dem versteckten Theater[3] oder dem radical cheerleading.

Der Begriff grrrl ist als eine feministische Aneignung des patriarchalen, niedlich konnotierten girl zu verstehen, um die Mädchenkultur aufzuwerten und ein neues Selbstbewusstsein zu erzeugen. Die drei ‚r’ sollten dabei onomatopoetisch ein Grollen oder Knurren in das Wort bringen. Was anfangs als gut gelungener Versuch beschrieben werden kann, wurde mit der Zeit leider von der Kulturindustrie vereinnahmt und zurückerobert. Vor allem im deutschsprachigen Raum machte die Presse aus dem knurrenden riot grrrl schnell ein harmloses girlie, das zwar mutig, aber vor allem chic und sexy zu sein hatte. Deshalb initiierten die Riot Grrrls 1993 auch eine Medienblockade, um der medialen Verzerrung durch hegemoniale Medien ein Ende zu setzen. Um die eigene Definitionsmacht während der Medienblockade zu sichern, wurde vor allem mit Flugblättern und so genannten „Fanzines“ (Fan Magazine)[4] gearbeitet.

Ladyzzz

In Anlehnung an die – durch die Medien verzerrte und vereinnahmte – Riot Grrrl Kultur entstanden, wie schon erwähnt, die Ladyfeste. Als lady wird im traditionellen Sprachgebrauch eigentlich eine bürgerliche, konservative und geschlechtsstereotype Frauengestalt verstanden, die gesellschaftlich geachtet und unverdächtig ist – kurz: zu Recht das Feinbild einer jeden Feministin. Die ladyzzz von heute persiflieren und parodieren dieses Frauenbild als Inbegriff der hegemonialen Geschlechterordnung. Ganz in der Tradition der riot grrrls wird dem Begriff Lady also durch Aneignung eine progressive, antipatriarchale Konnotation verliehen.

Ladyfeste sind meist mehrtägige Feste, die in Zentren alternativer Jugend(kultur) stattfinden und Themen wie Sexismus, Gewalt, Geschlechter- und Sexualitätsnormen, Rassismus und Kapitalismus behandeln. Das Veranstaltungsrepertoire reicht von Konzerten (Punk, Electro,…) bis zu Drag Workshops und Selbstverteidigungskursen. Oft werden auch Vorträge über Feminismen und queere Politik gehalten, selbstgemachte Filme oder Texte präsentiert und open stages zur Verfügung gestellt, um selbst Musik machen zu können. Ziel der Feste ist es mit den Mitteln der Musik und der Popkultur, männlich dominierte Kulturfelder zu besetzen und die Kategorie „Frau“ als solches in Frage zu stellen. Daraus ergibt sich, dass sich Ladyfeste nicht nur ausschließlich an Frauen richten, sondern unter Betonung der queer-feministischen und transgender Inhalte beide Geschlechter ansprechen.

Vom Fanzine zum Internet

Wie vormals bei der Riot Grrrl Bewegung die Fanzines, so spielt heute das Internet eine wesentliche Rolle bei der Vernetzung der Ladyfeste und zur Wahrung der eigenen Definitionsmacht durch die ladyzzz. Durch die einheitliche Namensgebung (ladyfest) ist einerseits eine gemeinsame Bezugsnahme und die Einordnung in eine gemeinsame Tradition möglich, andererseits eine leichte Auffindbarkeit im Netz gegeben. Groß nennt die beiden Seiten www.ladyfest.org und www.ladyfesteurope.org als wichtigste Websites zur Bündelung und Verlinkung der Ladyfeste auf der ganzen Welt, quasi als Dachseiten der Feste.[5] Aus heutiger Sicht muss allerdings festgestellt werden, dass beide Websites seit längerem keine Aktualisierung mehr erfahren haben bzw. Information nicht mehr abrufbar ist. Die Seite www.ladyfest.org verwies ursprünglich auf Ladyfeste in den USA, wobei später auch in Europa stattfindende Feste verlinkt wurden. Die Website www.ladyfesteurope.org legte den Schwerpunkt auf europäische Veranstaltungen und stellte zudem Anleitungen für die Gestaltung eines Ladyfests zur Verfügung. Nach Groß handelt es sich bei den Websites der Ladyfeste um eine Transformation der Fanzines, da sie die direkte und ungefilterte Veröffentlichung der eigenen Anliegen ermöglichen. Zudem wird der Anspruch nach Selbstdefinition erfüllt und ein starker Bezug auf eine Do-it-yourself Kultur ist gegeben.[6]

Zusammenwirken von Theorie und Praxis bei den Ladyfesten

Die große Chance der Ladyfeste besteht in der Verbindung politischer Theorie mit aktivistischer Praxis sowie in der „Versöhnung“ aktueller feministischer Debatten. So wird einerseits die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit als Konstrukt kritisiert, andererseits aber auch die Wirksamkeit dieser Kategorie in der Praxis erkannt. Ladyfeste sind also eine Form aktivistischer Praxis, die „mit kulturellen Insezenierungen und politischen Aktionen die ‚Natürlichkeit‘ heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit angreift und zugleich dessen materielle und sozio-ökonomische Wirkmächtigkeit anerkennt und kritisiert.“[7]

Links:

http://www.ladyfestwien.org/

http://ladyfest.lautr.com/

http://www.ladyfest-koeln.de/

Literaturtipps:

Baldauf, Anette (Hrsg.): Lips, tits, hits, power? Popkultur und Feminismus. Folio: Wien u.a., 1998.

Büsser, Martin (Hrsg.): Gender - Geschlechterverhältnisse im Pop. Ventil-Verlag: Mainz, 2000. (Testcard #8)



[1] Groß, Melanie: „Das Internet als Plattform politischer Interventionen: Ladyfeste im Netz“ 2006. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 7, Beitrag 4. Online-Publikation: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B4_2006_gross.pdf (20/01/09)

[2] für genauere Information vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Do_it_yourself (20/01/09)

[3] für genauere Informationen vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Verstecktes_Theater (20/01/09)

[4] Der Begriff der Fanzines kommt aus der Punkkultur und bezeichnet selbst gemachte Hefte, die den KünstlerInnen dazu dienten, abseits von den Mainstream-Medien in der Szene bekannt zu werden. Verteilt wurden die Fanzines zum Selbstkostenpreis auf Konzerten, inhaltlich setzten sie sich mit Themen wie Konzertberichten, Bands, Comics, Poesie, Malerei oder queerer und feministischer Theorie auseinander. Zwar gibt es heute noch immer Fanzines in einigen subkulturellen Nischen, sie werden allerdings durch das Medium Internet immer seltener.

[5] vgl. Groß 2006: 9

[6] vgl. Groß 2006: 10f.

[7] Groß 2006: 1

Mittwoch, 14. Januar 2009

Riot Don't Diet! - Radical Cheerleading

Nachdem ich in meinem zweiten Post einen radical cheer vorgestellt habe, liefere ich hiermit den theoretischen Input zum radical cheerleading. Inhaltlich bezieht sich folgender Text auf den Artikel „Radical Cheerleading – Radical Queerleading“[1] von Stephanie Kiessling, der im Magazin „fiber #4“ („werkstoff für feminismus und popkultur“) erschienen ist.

Entstehung, Grundsätze und Verbreitung des radical cheerleading

Die Idee des radical cheerleading entstand 1996, als die Schwestern Cara, Aimee und Coleen Jennings beschlossen, der „Mackergröhlerei“ auf Demos des linken, autonomen Umfelds durch ein Konzept zur Verbreitung von politsichen Forderungen, das auf cheers und choreographischen Einlagen beruht, ein Ende zu setzen. So ist das radical cheerleading zwar formell an das cheerleading im traditionellen Sinn angelehnt, hat jedoch inhaltlich wenig damit zu tun – im Gegenteil: radical cheerleading ist, in Judith Butlers Worten, als gender parody des cheerleadings – dem Prototyp heterosexistischen Mädchensports, bei dem Frauen marionettenhaft wie Zierpüppchen den „echten Sportlern“ zujubeln – zu verstehen.

Die inhaltslosen Jubelsprechchöre, die stereotypen Schönheitsnormierungen und die restriktiven Körperdisziplinierungen des cheerleading werden im radical cheerleading aufgegriffen und – wie der Name schon verrät – radikalisiert. Ziel ist es, traditionelle Bilder zu stören und so Irritation beim Publikum hervorzurufen, was wiederum Aufmerksamkeit für die inhaltlichen Forderungen garantiert.

Radical cheerleaders treten hauptsächlich im Rahmen von Demonstrationen auf, wo sie in auffälligen Kostümen das typische, männlich dominierte Kampfgeschrei mit politischen cheers übertönen. Die Themen der cheers reichen von Abnehmwahn über Sexismus bis zu Zwängen heterosexistischer Normierungen. Kleidungstechnisch fallen die radical cheerleaders vor allem durch die parodistischen Variationen von Cheerleading-Outfits auf. So treten neben den cheer grrrls oft auch radical boyz in kurzen Röcken und mit pink besprühten Klobürsten anstelle der Pompoms auf.

Bereits ein Jahr nach der Erfindung des radical cheerleading fand in Arkansas 1997 der erste Workshop zum Thema unter dem Namen „Sister Subverter-Conference“ statt. Zunächst verbreitete sich das radical cheerleading in den USA, wo in mehreren Großstädten verschiedene squads gegründet wurden. Bei der Anti-WTO Demonstration 1999 in Seatte wurden bereits eigene Mini-Cheer-Handbücher von einigen Demonstrant_innen verteilt und 2001 fand die erste Radical-Cheerleading-Konferenz mit über 100 Teilnehmer_innen in Kanada statt. In Europa fand die Aktionsform zunächst in Großbritannien Anklang, bis sie schließlich auch im Rest Europas rezipiert wurde – und zwar im Rahmen der Pink&Silver-Bewegung, die das radical cheerleading neben anderen Aktionsformen (wie zum Beispiel der Kommunikationsguerilla[2]) in ihr Repertoire aufgenommen hat.

Pink&Silver

Ziele der Pink&Silver-Bewegung sind die Unterwanderung und Dekonstruktion des hegemonialen Geschlechtsdualismus, das Sichtbarmachen männlicher Dominanz an scheinbar geschlechtsneutralen Orten – wie zum Beispiel bei Demonstrationen – und die Subversion der repressiven Staatsmacht. So tritt die Pink&Silver-Bewegung auf Demonstrationen als „Pink Bloc“ auf, organisiert daneben aber auch noch eigenständige und direkte Aktionen. Ein Beispiel für die Strategie der Pink&Silver-Bewegung ist die „tactical frivolity“, die während des Anti-IWF-Gipfels in Prag zum Einsatz kam: Durch das Spiel mit Geschlechtsidentitäten wurde die Polizei dort bewusst verwirrt und Absperrungen konnten tanzend umgangen werden. Dass die Taktik der Verwirrung höchst wirksam ist, beweist auch folgende Begebenheit: Bei einem Aktionstag in der Innenstadt in Frankfurt wurden P&S-Aktivist_innen von der Polizei dazu aufgefordert, doch endlich „ordentlich“ zu demonstrieren.

Neben dem Spiel mit Geschlechterrollen und der Staatsmacht ist es der Pink&Silver-Bewegung außerdem ein Anliegen, die traditionell negativ besetzte Symbolik des „schwarzen Blocks“ zu durchbrechen. Mit farbenfrohen und auffälligen Kostümen wird versucht, Sympathie und Empathie bei Unbeteiligten zu erreichen. Es geht der Pink&Silver-Bewegung dabei aber eindeutig nicht um eine Abgrenzung vom „schwarzen Block“, sondern um eine Unterwanderung und Erweiterung der Symbolik desselben. So ist Pink&Silver auch nicht als gewaltfreie Bewegung definiert. Neben gewaltfreiem Protest sind auch offensive und konfrontative Aktionen nicht ausgeschlossen. Die Kostüme dienen dabei einerseits als Ablenkungsmanöver, andererseits als Schutzpolster für den Ernstfall. Die Kommunikation in der Gruppe läuft über Handzeichen ab, wobei auch Limits und Stopps im Vorfeld abgeklärt werden.

Trotz der Unterschiede zwischen den genannten Aktionsformen des radical cheerleadings und der Pink&Silver-Bewegung, gibt es vor allem zwei verbindende Elemente zwischen den beiden Bewegungen: Sowohl das radical cheerleading als auch die Aktionsformen der Pink&Silver-Bewegung ermöglichen im Rahmen linker Praxen die Parodie und Subversion heterosexistischer und bipolarer Geschlechtsmodelle und schaffen außerdem – obwohl sie nicht eindeutig geschlechtsspezifisch definiert sind – besonders für Frauen auf Demonstrationen Räume jenseits von männlich dominierter Militanz.

Und weil’s so schön ist, zum Abschluss noch ein radical cheer:

Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Riot Don´t Diet
GET UP
GET OUT AND TRY IT
Hey grrrl (clap clap clap)
Get your head out of that magazine
cause you are more than a beauty machine
you´ve got anger soul and more
so take it to the street and let it roar

Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Uh-HUH (clap clap clap)
If cosmo makes you sick and pale
you know what you need to do
MOLOTOV COCKTAIL!
liberate the beauty queen
and burn the bibles of the fashion scene
LET´s (CLAP) GET (CLAP) MEAN!!!!!!

Weiterführende Links:

Pink, Paula und Sara Silver: „Pink und Silver / Tute Bianche. Neue Aktionsformen im Kontext internationaler Proteste.“ In: www.copyriot.com/bewegt/p&s+tb.html (14/01/09)

Roe, Amy: “Gimme an A!” In: http://www.ainfos.ca/01/aug/ainfos00029.html (14/01/09)

Radical Cheerleaders: http://radcheers.tripod.com/ (14/01/09)

NYC Radical Cheerleaders: http://www.nycradicalcheerleaders.org/ (14/01/09)

Radical Cheerleaders – Deutschland: http://www.radical-cheerleaders.de/ (14/01/09)



[1] Kiessling, Stephanie: „Radical Cheerleading – Radical Queerleading.“ (2007) In: fiber #4. Online-Publikation: http://www.fibrig.net/wordpress/?page_id=167 (14/01/09)

[2] für genauere Information siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikationsguerilla (14/01/09)

Dienstag, 13. Januar 2009

Exkurs: Don't be a sissy?

Die Akzeptanz von Sexismus und Misogynie in unserer Gesellschaft hat offensichtlich einen neuen Höhepunkt erreicht. Zu dieser Aussage versteige ich mich, unter anderem (!), aufgrund der erst kürzlich von mir entdeckten Werbekampagne der Fastfood-Kette „Burger King“. Ein Grund für mich, in den Blog einen Artikel zum Thema „Männlichkeitskonstruktion“ in unserer Gesellschaft aufzunehmen. Der Exkurs basiert auf einem Text von Martin S. Kimmel mit dem Titel „Sollen, können, wollen Männer den Feminismus unterstützen?“[1].

NOMAS

Den Artikel „Sollen, können, wollen Männer den Feminismus unterstützen?“ schreibt Martin S. Kimmel als Vertreter der Organisation NOMAS, der „National Organisation for Men Against Sexism“, dessen Akronym auf Spanisch gleichzeitig „nicht mehr“ bedeutet. Die Organisation hat drei Prinzipien: 1. Sie ist profeministisch. 2. Sie tritt für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben ein. 3. Sie will ein „erfüllteres Leben“ für Männer erreichen, was nur in Hand mit der Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen erreicht werden kann. Das Akronym NOMAS oder „nicht mehr“ bezieht die Organisation auf die Gewalt von Männern.

Männliche Gewalt und Macht

Kimmel verwendet bewusst den Begriff „männliche Gewalt“, weil – seiner Meinung nach – der Terminus „Männergewalt“ irreführend ist, da er suggeriert, Gewalt sei etwas per se Männliches, das in den Genen von Männern und in deren Biologie angelegt sei. Kimmel ist allerdings der Überzeugung, dass männliche Gewalt ein Teil der kulturellen Definition von Männlichkeit ist und jeder Mann an seinem Gewaltproblem arbeiten kann.

„Wenn Männer von Natur aus gewalttätig sind, dann sind sie wilde Tiere, die nicht auf die Straße, sondern in einen Käfig gehören.“ (Kimmel 1993: 138)

Feministische Analysen definieren das Problem der männlichen Gewalt als ein Handeln der herrschenden Klasse, das auf Machterhalt ausgerichtet ist. Wenn in logischer Konsequenz daraus Männlichkeit als ein Streben nach Macht und Herrschaft analysiert wird, geschieht dies aus der Erfahrung von Frauen mit Männlichkeit. Obwohl Kimmel die feministische Analyse von Männlichkeit für richtig hält, gibt er zu bedenken, dass sie den Männern selbst oft nicht zugänglich ist.

„Die Männer fühlen sich machtlos – und ich glaube, daß dieses Gefühl echt ist, auch wenn ich es nicht für wahr, das heißt zutreffend halte.“ (Kimmel 1993: 139)

Dieses Gefühl macht Kimmel auch für die Entstehung neuer Männlichkeitskults verantwortlich, in denen mit männerbündlerischen Ritualen das Gefühl der Macht wiederhergestellt werden soll.

Doch selbst wenn Männer als Individuen sich als machtlos empfinden, kann dies nicht der Ausgangspunkt der Analyse sein. Festzuhalten bleibt, dass Männer als Gruppe Macht haben, die sich gegen Frauen richtet und in weiterer Folge auch gegen andere Männer. Zwei wichtige Elemente sind wesentlich für das Funktionieren dieses Systems verantwortlich: einerseits die Angst, die Männer vor anderen Männern haben, weil diese sie als „unmännlich“ enttarnen könnten, andererseits das Tabu, diese Angst zu benennen, das Schweigen der Männer selbst.

In diesem Kontext ist auch die Homophobie zu erklären, eines der wichtigsten Elemente des Männlichkeitskonstrukts unserer Gesellschaft, und zwar als Angst vor anderen Männern, die die Männlichkeit des Gegenübers in Zweifel ziehen könnten und ihn als „schwul“ enttarnen könnten.

Vier Grundregeln der Männlichkeit

Der Psychologe Robert Brannon hat vier Grundregeln der Männlichkeit aufgestellt:

1. Don’t be a sissy! (Nicht weibisch sein)

Keinesfalls darf ein Mann jemals eine Handlung setzen, die auch nur im Entferntesten an Weiblichkeit erinnert. Männlichkeit bedeutet also die strikte Ablehnung alles Weiblichen.

2. Ein großer Zampano werden

Das Maß für die Männlichkeit sind Macht, Reichtum und Status. Danach müssen Männer ihr Leben ausrichten.

3. Ein Fels in der Brandung sein

Männer dürfen in keiner Situation die Ruhe verlieren oder Schwächen und Emotionen zeigen. Cool bleiben ist ein Indikator für Männlichkeit.

4. Zeig’s ihnen

Für Männer ist die Ausstrahlung von Mut und Aggressionen zentral. Eine „Aura des Draufgängertums“[2] muss sie ständig umgeben.[3]

Alle vier Regeln lassen sich, nach Kimmel, auf die Hauptregel „Don’t be a sissy!“ reduzieren, die anderen sind Erläuterungen der einzigen echten Grundregel: kein Weib sein.

„Für mich ist das der Schrecken jedes Mannes – daß ihn andere als weibisch sehen könnten. Männlichkeit ist ein homosoziales Rollenspiel von Männern für Männer, das von Männern ausgeführt, bewertet und beurteilt wird. Frauen werden dabei oft zu einer Art Währung – wie Macht, Status, Autos oder Geld – die wir einsetzen, um andere Männer zu überzeugen, daß wir die Angst erfolgreich gemeistert haben.“ (Kimmel 1993: 141)

Nach Kimmel ist nun Sexismus – definiert als Herrschaftswunsch über die Frauen – der Versuch, die Angst vor anderen Männern zu unterdrücken und unsichtbar zu machen. Die Akte der „Gewalt-aus-Ohnmacht“[4], die Männer individuell ausüben, ergeben in Summe ein System des kollektiven Terrors von sich machtlos fühlenden Männern gegenüber „anderen“, also Frauen, Homosexuellen, Farbige, usw.[5]

Was tun?

Der erste Schritt, aus der Konstruktion von Männlichkeit – die zwangsläufig zu Gewalt führt – auszubrechen, ist es, laut Kimmel, sich als Mann einzugestehen, dass man nicht anders ist als die anderen Männer, dass man selbst Angst vor den anderen Männern hat. Jede Unterscheidung zwischen guten und bösen Männern ist eine Illusion, die nur verdeckt, dass die eigenen männlichen Ohnmachtsgefühle jederzeit potentiell oder tatsächlich zu Gewaltakten führen können.

Der zweite Schritt muss es sein, das Schweigen der Männer angesichts der Gewalt zu brechen. So ist es für Kimmel die Aufgabe jedes Mannes, zu anderen Männern zu sprechen und somit auszudrücken, nicht einverstanden zu sein. Um Kimmel selbst zu zitieren:

„Wir müssen Zorn darüber empfinden, daß wir uns durch Angst zum Schweigen bringen lassen. [...] Es geht nicht darum, ob wir es wagen, das Schweigen zu brechen und den Ängsten entgegenzutreten. Es geht darum, ob wir auch nur einen Augenblick länger mit uns selbst leben können, wenn wir es nicht tun.“ (Kimmel 1993: 147)

Diese Frage muss sich, meiner Meinung nach, jeder Mann stellen und ich persönlich hoffe, dass die Antwort ein klares „Nein“ ist. Allerdings streite ich nicht ab, dass das Auftreten gegen Sexismus und Misogynie in einer patriarchalen Gesellschaft nicht nur den Frauen gefährlich werden kann. Auch Männer müssen fürchten, sozial geächtet oder verprügelt zu werden. Umso wichtiger erscheint aber folgende Perspektive, die ich mit einem Zitat, das Kimmel in seinem Artikel verwendet, an den Schluss dieses Exkurses stellen will:

„Der Feminismus wird es den Männern zum ersten Mal ermöglichen, frei zu sein.“[6] (1917)



[1] Kimmel, Martin S.: „Sollen, können, wollen Männer den Feminismus unterstützen?“ (1993) In: Dohnal, Johanna (Hrsg.): Test the West: Geschlechterdemokratie und Gewalt. (Internationales Symposium "Test the West"). Bundesministerin für Frauenangelegenheiten – Bundeskanzleramt: Wien, 1993. (Reihe: Gewalt gegen FRAUEN gegen Gewalt 1) S. 138 – 147.

[2] Kimmel 1993: 141

[3] vgl. Kimmel 1993: 141

[4] vgl. Kimmel 1993: 142

[5] vgl. Kimmel 1993: 142

[6] vgl. Kimmel 1993: 146