Dienstag, 6. Januar 2009

Queere Sprache und Aneignungspraktiken

Da Sprache unsere Wahrnehmung der Realität bestimmt, müssen queere Praktiken auch in einer Veränderung der Sprachverwendung Ausdruck finden. Deshalb will ich eine linguistische Auseinandersetzung jeder anderen voranstellen, um dann auf Möglichkeiten queerer Performanz genauer einzugehen:

Verqueere Sprachverunstaltung? – Ja bitte!

Dass die deutsche Sprache eine Männersprache ist und somit die Existenz von Frauen konsequent verleugnet, dürfte dank der Arbeiten feministischer LinguistInnen, wie Luise F. Pusch[1] oder Senta Trömel-Plötz[2], mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Die Forderung der „Sichtbarmachung“ von Frauen in der Sprache durch konsequentes Splitting und das Binnen-I hat deshalb auch schon ihren Eingang in hegemoniale Politiken gefunden.[3]

Relativ neu ist allerdings eine Forderung, die durch den postmodernen Feminismus und von Theoretiker_innen der queer theories in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht wurde und wird: die Schaffung eines sprachlichen Raumes für Identitäten, die sich der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit entziehen. Folgender Text basiert auf dem Artikel von Steffen Kitty Herrmann „Performing The Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung“[4].

Die binäre Konstruktion von Geschlechteridentitäten in den „westlichen“ Gesellschaften widerspiegelt sich auch in der Sprache: die Möglichkeiten in der deutschen Sprache Geschlecht zu markieren laufen auf ein duales Geschlechtermodell hinaus. So enden männliche Personenbezeichnungen hauptsächlich auf dem Suffix –er und für die Markierung „+weiblich“ wird in den meisten Fällen das Suffix –in[5] an die männliche Personenbezeichnung angehängt. Folgerichtig gibt es für die Referenz auf ausgewachsene Personen auch nur zwei Paradigmen bei Personalpronomen, nämlich „er“ und „sie“, und Possesivpronomen – „sein“, „ihr“. Für Identitäten, die sich außerhalb der dualen Geschlechternorm bewegen, kennt das Deutsche also keine sprachlichen Ausdrucksmittel. Die Frage lautet also: Was tun? An dieser Stelle möchte ich Steffen Kitty Herrmann mit folgendem Vorschlag zitieren:

„Alles was außerhalb dieser Ordnung liegt, wird fortwährend verleugnet, denn der Vorstellungshorizont unserer Sprache ist auf eine binäre Struktur eingegrenzt. Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _. Damit ist ein Platz markiert, den unsere Sprache nicht zulässt, ein Raum spielerischer und erotisch-lüsterner Geschlechtlichkeit, den es in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf.“ (Steffen Kitty Herrmann 2007: 195)

Und weiter?

An die Stelle der alt gedienten LeserInnen, ProfessorInnen, ArbeiterInnen, usw. treten also nun die Leser_innen, Professor_innen, Arbeiter_innen,... Allein damit, den Gap _ schriftlich zu veranschaulichen, ist es allerdings, nach Steffen Kitty Herrmann, noch nicht getan. Es geht um eine Aneignung dieses Raumes, der sich nicht in hegemonialen Konstruktionen von „queer“ oder „trans“ erschöpft. So soll der _ keinesfalls ausschließlich ein Raum für Intersexuelle sein, da dies seine Reduktion auf die Ableitung der Geschlechtsidentität aus einem determinierten Körper bedeuten würde. Auch für diejenigen, die sich von „innen“ heraus „anders“ fühlen ist der Gap nicht vorbehalten, um Geschlechtsidentität nicht auf einen Raum von „dubioser Innerlichkeit“ zu reduzieren. Der _ ist aber auch nicht allein für Transsexuelle, die Steffen Kitty Herrmann als „Transitsexuelle“ beschreibt, da. Transgender Personen stellen zwar die lebenslange Kohärenz von Körper und Geschlecht in Frage, indem sie deren Materialität durch Crossdressing, Hormone und Operationen aufbrechen. Innerhalb der heteronormativen Gesellschaft gelten nach herrschender Definition allerdings nur diejenigen als Transsexuelle, die eine vollkommene Umwandlung von male to female oder von female to male vollzogen haben – zentrale Bestimmungspunkt für die vollkommene Umwandlung ist erneut das Genital. Deshalb schlussfolgert Steffen Kitty Herrmann:

„Die konstruierte Transsexuelle ist eine Transitsexuelle, sie durchquert oder kreuzt den _ zwischen den Polen hegemonialer Geschlechtlichkeit ohne die Möglichkeit, diesen Raum dauerhaft zu besetzen. [...] In einer queeren Perspektive geht es aber genau darum, in diesem Raum zu floaten und dort zu verweilen, sich die dort liegenden Geschlechtsmöglichkeiten zu eigen zu machen und sich darin zu räkeln und auszutoben.“ (Steffen Kitty Herrmann 2007, 198)

Wie kann aber nun „performing the gap“ aussehen? Wie kann der _ gelebt werden? Als Paradefigur des _ sieht Steffen Kitty Herrmann die von Donna Haraway entworfene „Cyborg“[6], eine Gestalt jenseits von Geschlechterdichotomien. Als Hybrid zwischen Mensch und Maschine vermag die „Cyborg“ Grenzen, wie weiblich/männlich, natürlich/künstlich oder normal/pervers, endgültig zu zerbrechen. Als Möglichkeiten den Gap zu performen entwirft Steffen Kitty Herrmann drei mögliche Cyborg-Szenarien, die alle um die zentrale Frage kreisen: „Warum sollte unser Körper an unserer Haut enden?“ (Haraway 1995: 68)

Szenario 1: Phantasmatische Körpermerkmale

Als Gegenthese zur Veränderung des Geschlechtskörpers ausschließlich durch Praktiken, die „unter die Haut“ gehen, also operative Eingriffe oder die Einnahme von Hormonen, betont Steffen Kitty Herrmann den „gesellschaftlich-phantasmatischen“ Anteil unserer Körper. Als Beispiele hierfür dienen ihm Utensilien, wie Gummibrüste oder –penisse, die im Rahmen von Crossdressing-Praktiken zu „echten“ Körperteilen werden können.

„Den Begriff des Geschlechtskörpers gänzlich davon abzukoppeln, wie er auf der einen Seite von den Einzelnen gefühlt und auf der anderen Seite von anderen rezipiert wird, heißt die Vorstellung davon, was ein Körper ist und sein kann auf eine seltsame Weise zu versperren. Und indem wir diese gesellschaftlich-phantasmatische Dimension unseres Körpers anerkennen, eröffnen sich uns neben den altbekannten Möglichkeiten eine Reihe neuer Körpersubjektivitäten, die auszuprobieren wir eingeladen sind.“ (Steffen Kitty Herrmann 2007: 199)

Szenario 2: Neuordnung geschlechtlicher Inszenierungspraktiken

Da unser Körper nicht nur aus „primären“ und „sekundären“ Geschlechtsmerkmalen besteht, kann auch die Aneignung und Subversion des geschlechtlichen Habitus eine Praxis zur Überwindung binärer Geschlechtsidentitäten bilden. „Wenn boyz beginnen, sich aufzutakeln und ihren body sexy durch die Straßen schwingen oder wenn grrrls breit und rotzig daher stampfen“[7], indem also das Set an geschlechtlichen Inszenierungspraktiken durcheinandergeworfen wird und die Codes neu zugeordnet werden, verändert sich nicht nur die Repräsentation des Geschlechtskörpers, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Körper. Als Beispiel führt Steffen Kitty Herrmann die butch an, die sich in ihrer Geschlechterinsezenierung verschiedene Codes von Maskulinität aneignet, dabei aber nicht zum Mann wird bzw. werden will. Aus der Neucodierung des geschlechtlichen Habitus entsteht eine Identität, „die sich im _ zwischen den Geschlechter [sic!] eingerichtet hat.“[8]

Szenario 3: Queer Sex

Queere Sexualität bedeutet den genital-patriarchalen Sex aufzugeben und sich am „perversen Begehren“ zu orientieren. Als pervers wird Begehren im Allgemeinen dann verstanden, sobald eine Abkoppelung sexueller Praktiken von ihrer reproduktiven Funktion stattfindet. In der so entstehenden postgenitalen Erotik steht das Fetischobjekt im Zentrum der Lust, weil es aus der Hetero-Erotik ausgeschlossen ist. Ein wichtiges Element hierbei ist die Phantasie, da es um die (Re-)erotisierung von Bereichen und Zonen geht, die innerhalb der heterosexuellen Matrix und der genital-patriarchalen Lust nicht zugänglich sind.

„Die angeführten Szenarien zeigen, welche neuen Konfigurationen von Körper und Geschlecht uns offen stehen. Die Aneignung eines Raumes 'in between', des _, verändert, was als Erfahrung von Geschlecht und Körper möglich ist und war. Daher ist es Zeit anzuerkennen, dass diese verschiedenen Ausdrucksformen nicht allein einem kuriosen Begehren gerecht werden, das es zu tolerieren gilt, sondern dass diese Praktiken ein politisches Potenzial besitzen, das eine Linke nicht unterschätzen sollte.“ (Steffen Kitty Herrmann 2007: 201)

Weiterführende Literaturtipps:

Hornscheidt, Antje: „Die Nicht-Rezeption postrukturalistischer Gender- und Sprachtheorien der feministischen Linguistik im deutschsprachigen Raum.“ 2002. In: Faschingbauer, Tamara (Hg.): Neuere Ergebnisse der empirischen Genderforschung. Olms: Hildesheim u. a., 2002. (Reihe: Germanistische Linguistik 167/168)

Haraway, Donna: „Manifest für Cyborgs“ 1995. In: Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus: Frankfurt am Main u.a., 1995.



[1] vgl. Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1984.

[2] vgl. Trömel-Plötz, Senta (Hg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Milena: Wien, 2004.

[3] vgl. Gleichbehandlungsrichtlinie der EU: RICHTLINIE 2004/113/EG DES RATES vom 13. Dezember 2004. In: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2004:373:0037:0043:DE:PDF (06/01/09)

[4] Steffen Kitty Herrmann: „Performing The Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung.“ 2003. In: A.G.GENDER-KILLER (Hg.): Das gute Leben. Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag. Unrast: Münster, 2007. S. 195 – 203.

[5] Den sexistischen Ursprung des Suffix –in mit der Bedeutung „Frau des...“ hat Luise F. Pusch hinlänglich in „Das Deutsche als Männersprache. Diagnose und Therapievorschläge.“ (In: Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1984. S. 46 – 68) bewiesen.

[6] Haraway, Donna: „Manifest für Cyborgs“ 1995. In: Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus: Frankfurt am Main u.a., 1995.

[7] Steffen Kitty Herrmann 2007: 200

[8] Steffen Kitty Herrmann 2007: 200




9 Kommentare:

  1. "...kann auch die Aneignung und Subversion des geschlechtlichen Habitus eine Praxis zur Überwindung binärer Geschlechtsidentitäten bilden." Höchstinteressantes Konzept!
    Hervorragende Einführung ins Thema!
    Hoffe auf baldige neue Artikel!

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  2. Ich schließe mich dem Kommentar von simon an. Vor allem das Konzept des _ finde ich interessant und halte es für einen sehr guten Ansatz, binäre Geschlechterkonzepte zu überwinden und die Forderung nach einer Überwindung dieser festgefahrenen Ideologien zu unterstreichen.

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  3. hast du das geschrieben? du wunderwuz!!:)
    fänd spannend, noch weitere subversionsmöglichkeiten zu diskutieren! hat eins ideen?
    was ich auch wichtig find an der verqueerung der sprache ist nicht ausschließlich geschlechter jenseits von weiblich--männlich zu m a r k i e r e n, sondern gerade nicht ständig geschlecht zu markieren. das hat kitty vllt. ein bisschen "übersehen"?(is schon länger aus, dass ich den text gelesen hab)
    find die frage spannend,wozu geschlechtsmarkierung dient (zur unterdrückung u.a. sag ich provokativ!:P )
    ansonsten, raphalein, du weißt es ja: ich liebe neben _ besonders * ...:)
    s*

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  4. danke für die kommentare!
    ad simon: ich hoffe auch auf baldige neue artikel! ;) work in progress!
    ad sorov: natürlich hab ich das geschrieben! ist ja MEIN blog! :D weitere subversionsmöglichkeiten werden natürlich von der autorin, sprich mir, noch vorgestellt werden! die können wir dann diskutieren! :P und zu deiner kritik an kitty: ich glaube, dass durch den _ und die performanz desselben ja traditionelle geschlechterkonstruktionen gesprengt, ich möchte fast "dekonstruiert" sagen, werden und dies somit der erste schritt ist, sie aufzulösen. wenn es nämlich keine eindeutige definition von "geschlecht" mehr gibt, ist es auch schwierig, zu markieren, weil quasi die "marker" fehlen. so gesehen ist der gap-ansatz schon auch einer, der der markierung zuwiderläuft.

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  5. na klar tut er das,bin ganz deiner meinung. find nur auch wichtig das zu sagen. mein politisches ziel ist es weniger, queere, perverse geschlechtsidentitäten zu markieren (bei anderen)oder selbst zu performen (...), sondern geschlechtsmarkierung performativ zu dekonstruieren ;)(sorry), also: nicht ausschließlich zweigeschlechtlichkeit zu unterwandern, sondern die (selbst)zuschreibung von geschlecht an sich. es macht tw. einen unterschied, finde ich, ob ich in einem fragebogen bei der frage nach "dem" "geschlecht" statt frau-mann trans_* oder irgendwie sonst erkläre, dass ich den freiraum _ besiedele, oder ob ich das feld frei lasse, weil ich nicht anerkenne, dass ich mein geschlecht markieren soll. ebenfalls bei anderen, ob ich menschen eben vergeschlechtliche oder __ .-ich bin der meinung, dass sich geschlechtliche markierung historisch immer als machtvolle, unterdrückerische fixierung gezeigt hat.
    (ich wurde ja aufgefordert zum diskutieren und bekritteln, jetzt hab ich das mal geliefert.;) mein´s aber auch ernst.) :-*

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  6. heißt aber NICHT, dass ich jetzt identitäten, die sich gendermäßig als konkrete queere darstellen, nicht positiv fände oder ihnen gar irgendeine berechtigung absprechen wollte!

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  7. um noch auf deine kritik einzugehen. ich gebe dir grundsätzlich recht. die frage ist allerdings, ob du dich außerhalb des hegemonialen diskurses von geschlechtlichkeit bewegen kannst und ob es möglich ist, geschlecht nicht zu markieren bzw. ob es nicht dem ziel der dekonstruktion zuwiderläuft. die nicht-markierung ist in unserer gesellschaft gar nicht möglich. nicht stören bedeutet also, innerhalb des rasters male/female einem der beiden pole zugeordnet zu werden. um butler zu zitieren:
    "Die Frage ist nicht: ob, sondern wie wiederholen - nämlich jene Geschlechter-Normen, die die Wiederholung selbst ermöglichen, wiederholen und durch eine radikale Vervielfältigung der Geschlechtsidentität verschieben."

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  8. Ein weiterer Literaturhinweis zu diesem Thema:

    Hornscheidt, Antje: "Sprachliche Kategorisierung als Grundlage und Problem
    des Redens über Interdependenzen. Aspekte sprachlicher Normalisierung und
    Privilegierung." In: Gabriele, Dietze (Hrsg.): Gender als
    interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität,
    Diversität u. Heterogenität. Opladen & Farmington Hills, 2007. S. 141-166

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